2009/12/14

Ängste wie gerufen*
Von:
Anabela Fino
6.12.2009
Alle Welt kennt die idyllischen
Bilder von der Schweiz – seien es die von Heidi, welche glücklich und
zufrieden mit ihrem Freund Peter durch die Alpen den Ziegen hinterher
springt, seien es die von den Kühen, welche auf grünen Wiesen für die
Photographien der appetitlichen «Milchschokoladen» posieren, oder auch die
Bilder von Uhren mit Heidis, Geissenpetern und mit Verlass pünktlich zu
jeder Stunde aus ihren Häuschen ein- und ausgehenden Kuckucken – sind weit
davon entfernt, der Wirklichkeit zu entsprechen, um nicht gerade zu sagen,
dass sie einen solchen Schwindel darstellen wie die oft verbreitete Mär
von der «Neutralität der Schweiz», die im Laufe der Jahre zu tausend
Wundern hingehalten hat, unter anderem um fette Bankkonten aller möglichen
Herkunft an sicherem Ort zu verwahren. In dieser oder anderer Form, wegen
diesem und einem, hat die «Postkarte» an Glanz verloren, unfähig eine
Gegenüberstellung mit der harten Wirklichkeit zu bestehen, meistens
erzählt durch sehr reale Protagonisten, die an Schweizer Haltestellen das
Brot gegessen haben, das der Teufel geknetet hat. Es ist wahr, dass es
dort war, wo viele von ihnen einige Franken zusammen für das Alter
zusammentragen konnten, und dass man in Portugal herum Häuser “à la maison”
und Fenster “à la fenêtre” mit abschüssigen Dächern sieht, von denen
mittlerweile der Glanz vom unnützen Warten auf den alpinen Schnee
verblichen ist. Aber bei aller Anerkennung dieser anregenden Quelle ist es
nicht weniger wahr, dass jeder Ziegel, jedes Fenster und jede Türe seine
Geschichte hat – manchmal eine, die noch nicht erzählt worden ist – die
Geschichte von Jahren des Lebens in ungesunden Behältern als Arbeiter der
Bauwirtschaft, von Arbeitszeiten vom Sonnenaufgang bis Untergang in der
landwirtschaftlichen Feldarbeit, von Arbeitstagen bis zur Erschöpfung in
der Hotellerie. Zu jeder «Erfolgsgeschichte» von portugiesischen,
spanischen, italienischen oder Emigranten einer beliebigen anderen
Nationalität, welche ihre Arbeitskraft auf Schweizer Märkten verkauften,
gibt es viele andere Geschichten von Demütigung, Leiden, Diskriminierung,
mit solchen Stationen wie der speziellen Kennzeichnung der Autoschilder
zwecks Identifizierung von Ausländern, Untergrundleben, weil sich die
Familien nicht installieren können, Leben in einer Kette von
aufeinanderfolgenden Verträgen ohne Recht, im Land zu verbleiben…
Geschichten die überhaupt nicht zum Ruf – und Nutzen – der
«demokratischen» Schweiz passen, wo die «direkte Demokratie» so gross ist,
dass noch in unseren Tagen in einem der Kantone die demokratisch
versammelten Männer beschliessen können, dass die Frauen nicht abstimmen
dürfen.1
Und dennoch, trotz alledem verfehlt die nun im Referendum getroffene
Entscheidung, die Minarette der Moscheen im Land zu verbieten, nicht die
Wirkung, einige Bestürzung hervorzurufen. Die Befragung war von der
rechtsgerichteten Schweizerischen Volkspartei, gefördert worden, die in
der Regierung vertreten ist und die Mehrheit im Parlament hat, wobei sie
die Unterstützung von 57,5 Prozent der Wähler erhielt. Die Moslems, die
wenig mehr als drei Prozent der schweizerischen Bevölkerung ausmachen,
werden als Bedrohung angesehen. Die Minarette – wie sich zeigt –
ebenfalls, weil sie von der Rechten zu einem «politisch-religiösen Symbol»
klassifiziert werden. Es ist nicht schwierig, Ängste und xenophobe
Reaktionen in der Zeit der «Krise» zu anzufachen. Man achte darauf, wie
die italienische Rechte und die deutsche extreme Rechte sich beeilen, ihr
Verständnis für die schweizerischen Ängste zu bekunden.
Eigenartigerweise ist indessen
nicht festzustellen, dass die Ausbeutung der moslemischen Arbeitskraft
oder, was noch bezeichnender ist, die Petro-Dollars anderer Moslems, die
auf den (schweizerischen und anderen) Banken hinterlegt sind, im Visier
des Referendums stehen würden. Die Ängste weisen halt derlei Züge auf; sie
kommen sehr gelegen.
*Aus dem «Avante!»,
Zentralorgan der Portugiesischen Kommunistischen Partei
Quelle/Original:
Medos convenientes
(por Anabela Fino, «Avante!»., Nº 1879, 03 de Dezembro 2009) –
Übersetzung: Kommunisten.ch