2010/1/29
Afghanistan-Konferenz ohne Abzugstermin
Einheimisches
Militärpersonal soll in ein paar Jahren die ausländischen Truppen ersetzen
Mit einem sogenannten Strategiewechsel will der Westen Stabilität ins
zerrüttete Afghanistan bringen und auf einen Abzug der ausländischen
Truppen hinarbeiten. Acht Jahre nach dem Sturz der Taliban geht die
afghanische Regierung auch wieder auf die Radikalislamisten zu.
London/Kabul (Agenturen/ND). Die Kontrolle über die Sicherheit soll noch
2010 schrittweise an die afghanische Polizei und Armee übertragen werden.
Das geht aus der Abschlusserklärung der Londoner Afghanistan-Konferenz vom
Donnerstag hervor. Präsident Hamid Karsai machte geltend, dass sein Land
noch jahrelang auf ausländische Truppen und Finanzhilfe angewiesen sein
werde. Der Westen will ihn aber stärker in die Pflicht nehmen.
Bundesaußenminister Guido Westerwelle sprach in London von einem
»strategischen Neuanfang«. Für die deutschen Soldaten gebe es jetzt eine
klare Perspektive. Im Jahr 2014 könne die »vollständige Übergabe der
Verantwortung an die afghanische Regierung« gelungen sein.
Um einen Abzug zu ermöglichen, müssen nach dem Willen des Westens zuvor
deutlich mehr afghanische Sicherheitskräfte ausgebildet werden. Die
Konferenz erwartet, dass noch mindestens fünf Jahre ausländische
Sicherheitskräfte am Hindukusch nötig sind. Im Gegenzug soll auch Karsai
mehr leisten. Fortschritte bei der Korruptionsbekämpfung und der
Entwicklung eigener Institutionen sollen dabei regelmäßig überprüft
werden. Bis Mitte April soll es zudem eine weitere Afghanistan-Konferenz
in Kabul geben.
Es beginne nun »eine neue Phase auf dem Weg zu völliger afghanischer
Eigenverantwortung«, heißt es in dem Zehn-Seiten-Dokument, auf das sich
Delegationen aus rund 70 Ländern geeinigt haben. Es sieht auch ein – in
Afghanistan umstrittenes – Aussteigerprogramm zur Eingliederung
»gemäßigter« Taliban-Kämpfer vor. »Wir müssen allen Landsleuten die Hand
reichen – vor allem den enttäuschten Brüdern, die nicht Teil von Al Qaida
oder anderen terroristischen Netzwerken sind«, sagte Karsai.
Auf genaue Summen für das Aussteigerprogramm oder einen konkreten Termin
für den Abzug der derzeit rund 85 000 ausländischen Soldaten verständigte
sich die Konferenz indes nicht. Dafür wurde eine Aufstockung der
afghanischen Polizei- und Armeekräfte beschlossen. Bis Oktober 2011 werde
die Zahl der Sicherheitskräfte aus dem eigenen Land bei über 300 000
liegen – 171 000 Soldaten und 134 000 Polizisten.
Die Bundesregierung stellt für den Aussteiger-Fonds 50 Millionen Euro
bereit. »Wir wollen, dass junge Männer, die oft genug für 200 Dollar zu
Kämpfern geworden sind, zurückkehren in ihre Dörfer«, sagte Westerwelle.