2009/12/12
Fidel Castro Ruz:
DER ANSCHLUSS KOLUMBIENS AN DIE USA
Jeder normal informierter Mensch begreift sofort, dass jenes süßlich
formulierte „Ergänzungs-Abkommen für Zusammenarbeit und Technische Hilfe
bei der
Verteidigung und Sicherheit zwischen den Regierungen von Kolumbien und den
Vereinten Staaten“ mit Unterzeichnungsdatum vom 30. Oktober 2009 und
Veröffentlichungsdatum vom 2. November 2009 dem Anschluss Kolumbiens an
die USA gleichkommt.
Das Abkommen bringt Theoretiker und Politiker in Bedrängnis. Es ist nicht
ehrlich, jetzt die Ruhe zu bewahren und dann über Souveränität,
Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit und andere Dinge zu reden,
wenn gerade ein Land vom Imperium mit derselben Leichtigkeit verspeist
wird, mit der eine Echse eine Fliege verspeist. Es geht um das
kämpferische und werktätige tapfere kolumbianische Volk. Ich habe im
ganzen langen Schinken eine verdauliche Rechtfertigung gesucht und keinen
Grund gefunden.
Auf 48 Seiten mit 21 Zeilen finden sich 5, die sich dem Philosophieren
über die Vorgeschichte der schändlichen Auffassung widmen, wonach
Kolumbien ein Übersee-Territorium wird. Alle Seiten gründen sich auf nach
der Ermordung des angesehenen fortschrittlichen Kämpfers Jorge Eliécer
Gaitán am 9. April 1948 mit den USA unterschriebene Abkommen und die
Schaffung der OAS am 30. April 1948, welche seinerzeit von den
Regierungschefs der Hemisphäre bei ihrer Beratung in Bogotá unter dem
Taktstock der USA diskutiert wurde. In jenen tragischen Tagen, in welcher
die kolumbianische Oligarchie das Leben jenes Volkshelden erstickte und
der bewaffnete Kampf in Kolumbien ausbrach:
- Das „Abkommen über militärischen Beistand zwischen der Republik
Kolumbien und den USA vom April 1952;
- Die Abkommen über „eine Heeresmission, eine Marinemission und eine
Luftwaffenmission der USA“, unterschrieben am 7. Oktober 1974;
- die Konvention der UNO gegen den Drogenschmuggel von 1988;
- die Konvention der UNO gegen das internationale organisierte Verbrechen
von 2000;
- die Resolution 1373 des Sicherheitsrates von 2001;
- die Interamerikanische Demokratische Charta;
- die Charta zu Verteidigung und Demokratischer Sicherheit;
- weitere Beschlüsse, die sich im besagten Dokument befinden.
Aber keiner davon rechtfertigt es, ein Land von 1,141.748
Quadratkilometern Größe im Herzen, zu einem US-Militärstützpunkt werden zu
lassen. Kolumbien ist 1,6-mal so groß wie Texas, der zweitgrößte
US-Bundesstaat, welcher einst Mexiko geraubt wurde und anschließend als
Stützpunkt zur Eroberung mit Blut und Feuer der Hälfte jenes Bruderlandes
Mexiko diente.
Andererseits sind bereits 59 Jahre vergangen, seit kolumbianische Soldaten
in das weit entfernte Asien entsendet wurden, um zusammen mit den
US-Truppen gegen Chinesen und Koreaner im Oktober 1950 zu kämpfen. Jetzt
hat das Imperium vor, sie in den Kampf gegen ihre venezolanischen,
ekuadorianischen und anderen bolivarischen Völker der ALBA zu schicken, um
die venezolanische Revolution zu zerschlagen, wie sie es einst mit der
kubanischen Revolution im April 1961 versucht hatten.
In mehr als eineinhalb Jahren vor der Invasion rüstete und bildete die
US-Regierung die konterrevolutionären Banden der Escambray aus. Genau wie
sie heute die kolumbianischen Paramilitärs gegen Venezuela benutzt.
Als der Angriff in der Schweinebucht begann, operierten die B-26 der
US-Truppen mit Söldnerbesatzungen von Nikaragua aus und steuerten ihre
Kampfflugzeuge auf Flugzeugträgern in das Kampfgebiet, und die Invasoren
kubanischer Herkunft kamen in Begleitung von Marine-Infanterie und
Kriegsschiffen aus den USA. Heute sind ihre Kriegsmittel und ihre Truppen
in Kolumbien nicht nur die Bedrohung für Venezuela, sondern für alle
Staaten in Mittel- und Südamerika.
Es ist wirklich zynisch zu verkünden, dass das abscheuliche Abkommen eine
Notwendigkeit des Kampfes gegen den Drogenschmuggel und den
internationalen Terrorismus ist. Kuba hat gezeigt, dass keine
ausländischen Truppen notwendig sind, um den Anbau und den Schmuggel von
Drogen zu verhindern und die innere Ordnung aufrecht zu erhalten, obwohl
die USA als mächtigste Großmacht der Welt seit Jahrzehnten die
terroristischen Handlungen gegen die kubanische Revolution förderte,
finanzierte und bewaffnete.
Der innere Frieden ist elementares Anliegen jeden Staates. Die Präsenz von
US-Truppen in einem Land Lateinamerikas zu diesem Zweck ist eine
unverhüllte ausländische Einmischung in die inneren Angelegenheiten, was
unvermeidlich den Protest seiner Bevölkerung hervorrufen wird.
Die Lektüre des Dokuments zeigt, dass nicht nur die kolumbianischen
Luftwaffenstützpunkte den US-Amerikanern in die Hände gegeben werden,
sondern auch die zivilen Flughäfen und letztlich jede ihren Streitkräften
nützliche Einrichtung. Der Funkraum wird auch jenem Land anderer Kultur
zur Verfügung gestellt, dessen Interessen nichts mit denen der
kolumbianischen Bevölkerung zu tun haben.
Die US-Streitkräfte werden Sonderrechte genießen.
In jedem Teil Kolumbiens können die Besatzer Verbrechen gegen die
kolumbianischen Familien, die Güter und die Gesetze Kolumbiens begehen,
ohne sich dafür vor den Behörden des Landes Kolumbien verantworten zu
müssen. Zu nicht wenigen Orten brachten sie Skandale und Krankheiten, wie
sie es mit dem Militärstützpunkt von Palmerola in Honduras taten. In Kuba,
als sie die neue Kolonie besuchten, setzten sie sich in Reiterposen auf
die Statur von José Martí im Zentralpark der Hauptstadt. Die Begrenzung
der Gesamtzahl ihrer Soldaten kann auf Antrag der USA verändert werden,
ohne jede Einschränkung. Die Flugzeugträger und Kriegsschiffe , die die
ihnen gestatteten Marinestützpunkte besuchen, werden so viele Mannschaften
bei sich haben, wie sie für erforderlich halten, und es können Tausende
allein auf einem dieser großen Flugzeugträger sein.
Das Abkommen wird alle 10 Jahre auf die folgenden 10 Jahre verlängert
werden. Und niemand kann es verändern, außer am Ende jeder 10-jährigen
Periode, wenn er es ein Jahr zuvor ankündigt. Was werden die USA tun, wenn
eine Regierung wie die von Johnson, Nixon, Reagan, Bush sen. oder Bush
jun. und weitere ähnliche die Aufforderung zum Verlassen Kolumbiens
erhält? Die US-Amerikaner waren fähig, Dutzende Regierungen in unserer
Hemisphäre zu zerschlagen. Wie lange würde eine Regierung in Kolumbien im
Amt bleiben, wenn sie solche Absichten ankündigt?
Die Politiker Lateinamerikas haben jetzt ein delikates Problem vor sich:
die elementare Pflicht, ihre Gesichtspunkte über das Anschlussdokument zu
erklären. Ich begreife. dass das, was in diesem für Honduras
entscheidenden Moment geschieht, die Aufmerksamkeit der Massenmedien und
der Außenminister dieser Hemisphäre in Anspruch nimmt. Aber das
schwerwiegende und folgenreiche Problem, welches in Kolumbien stattfindet,
kann an den lateinamerikanischen Regierungen nicht unbeachtet
vorbeiziehen.
Ich hege nicht den geringsten Zweifel an der Reaktion der Völker. Sie
werden die Messerspitze spüren, die sich in ihre tiefsten Gefühle bohrt,
insbesondere beim Volk Kolumbiens. Sie werden sich widersetzen. Niemals
werden sie so eine Abscheulichkeit hinnehmen!
Die Welt steht heute vor schwerwiegenden und dringlichen Problemen. Der
Klimawechsel bedroht die gesamte Menschheit. Führende Persönlichkeiten
Europas erflehen fast schon auf Knien ein Abkommen in Kopenhagen, welches
die Katastrophe abwenden soll. Sie legen als Realität vor, dass auf der
Gipfelkonferenz das Ziel einer Übereinkunft nicht erreicht werden wird,
welche drastisch den Ausstoß der Treibhausgase vermindert. Sie
versprechen, den Kampf fortzusetzen, um dies vor 2012 zu erreichen. Es ist
das wirkliche Risiko vorhanden, dass da nichts erreicht werden kann, bevor
es zu spät sein wird.
Die Länder der Dritten Welt fordern zu recht von den entwickeltesten und
reichsten Ländern Hunderte von Milliarden Dollars jährlich zur Abdeckung
der Kosten für den Kampf um das Klima.
Hat es einen Sinn, dass die Regierung der USA Zeit und Geld in den Bau von
Militärstützpunkten in Kolumbien investiert, um unseren Völkern ihre
verhasste Tyrannei aufzuzwingen? Auf diesem Wege, wo eine Katastrophe die
Welt bedroht, bedroht eine größere und viel schnellere Katastrophe das
Imperium, und alles wäre Folge desselben Ausbeutungs- und
Ausplünderungssystems des Planeten.
Beitrag von:
RedAktion
10.11.2009,