2010/1/3
Friedensblockade
Israels Weihnachtsbotschaft
Von Werner Pirker
Einen Tag vor dem ersten Jahrestag des Beginns der israelischen
Kriegshandlungen gegen die Bevölkerung des Gaza-Streifens hat Israel
wieder einmal mit brutalen Gewaltaktionen auf sich aufmerksam gemacht. Im
Westjordanland und Gaza wurden am Freitag insgesamt sechs Palästinenser
getötet. Die drei Toten im Westjordanland waren Mitglieder der
Al-Aksa-Brigaden, einer der Fatah-Bewegung angehörenden
Militärorganisation. Die Toten im Gaza-Streifen sollen nach israelischen
Angaben zuvor versucht haben, die Grenze nach Israel zu überqueren, was
von der Hamas bestritten wird.
Die Tötung der Al-Aksa-Brigadisten stellt eine direkte Herausforderung des
palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas und der von ihm geführten Al
Fatah dar. Zwar behaupten die Israelis, die Männer – sie standen im
Verdacht, den jüdischen Siedler Meir Avshalom Hai getötet zu haben –
hätten ihrer versuchten Festnahme bewaffneten Widerstand entgegengesetzt.
Es entspräche freilich durchaus der üblichen israelischen Militärpraxis,
hätte es sich um eine »gezielte Tötung«, das heißt um eine Hinrichtung
ohne Gerichtsverhandlung gehandelt. Mit dem Siedler ist aller Erfahrung
nach kein Unschuldiger getötet worden. Siedler sind keine Zivilisten,
sondern die Vorhut der zionistischen Expansion. Sie sind in der Regel
bewaffnet und auf die Verdrängung der palästinensischen Existenz in den
besetzten Gebieten eingeschworen. Da das Völkerrecht den Transfer der
eigenen Bevölkerung auf okkupiertes Territorium untersagt, ist die
Anwesenheit der jüdischen Kolonisten im widerrechtlich besetzten
Westjordanland doppelt illegal. Zudem ist die Unangemessenheit
israelischer »Vergeltungsschläge« offenkundig.
Der zum Frieden um fast jeden Preis bereite Palästinenserpräsident muß
jetzt eine weitere Radikalisierung an der Basis des säkularen Spektrums
befürchten. Die Militanz der Al-Aksa-Brigaden stand stets in einem
offenkundigen Gegensatz zu der von der Fatah-Führung praktizierten
Kompromißbereitschaft an der Grenze zur Kapitulation. Im
innerpalästinensischen Machtkampf mit der Hamas aber kam den »Moderaten«
diese Militanz durchaus zugute. Die gegenwärtige israelische Führung
scheint indes wenig Neigung zu einer differenzierten Strategie gegenüber
den Palästinensern zu verspüren. Anstatt Abbas mittels mehr oder weniger
ernst gemeinter Zugeständnisse die besseren Karten in seinem
innenpolitischen Machtkampf zuzuschanzen, führt ihn die Regierung
Netanjahu/Lieberman als einen in seinen Friedensabsichten gescheiterten
Politiker vor. Doch die Abbas zugefügten Kränkungen gelten in Wahrheit
dessen amerikanischem Mentor Barack Obama. Denn der von den USA und der EU
forcierte israelisch-palästinensische Konflikt in Form der
Zwei-Staaten-Lösung geht den zionistischen Ultras und ihrer amerikanischen
Lobbyorganisation AIPAC schon viel zu weit.
Daraus erklärt sich ihre Blockadepolitik.
( junge Welt )