2010/1/8
Interview mit Evo Morales zum Thema Kapitalismus und Klimaschulden
Amy Goodman:
Präsident
Morales, willkommen bei
Democracy Now!
Evo Morales (übersetzt): Vielen Dank
für die Einladung.
Gestern haben
Sie hier, im Bella-Center, eine Rede gehalten. Sie sagten, wir könnten die
globale Erwärmung nicht stoppen, ohne den Kapitalismus zu beenden.
Was meinten Sie damit
?
Der Kapitalismus ist der größte
Feind der Menschheit. Der Kapitalismus – ich spreche hier von einer
irrationalen Entwicklung, einer Politik der unbegrenzten
Industrialisierung – zerstört die Umwelt. Diese irrationale
Industrialisierung ist Kapitalismus. Und solange wir diese Politik nicht
überdenken und überarbeiten, wird es unmöglich sein, der Menschheit und
dem Leben zu helfen.
Wie würden Sie
vorgehen? Wie würden Sie den Kapitalismus beenden?
Durch eine Veränderung der
Wirtschaftspoltik und durch ein Ende der Konsumhaltung und des Luxus; den
Kampf… die Suche nach einem besseren Leben beenden. "Besser leben" heißt
doch, andere Menschen auszubeuten. Es heißt, die natürlichen Resourcen zu
plündern. Es bedeutet Egoismus und Individualismus. Aus diesem Grunde
fehlt jenen Versprechungen des Kapitalismus auch das Element der
Solidarität und der Wechselseitigkeit; die Reziprozität fehlt. Daher
versuchen wir – wir denken über eine andere Lebensweise nach. Es geht
darum, gut zu leben – nicht um besserleben. Es geht nicht um ein besseres
Leben, denn das heißt immer, auf Kosten anderer. Ein besseres Leben geht
auf Kosten der Umwelt, die dabei zerstört wird.
Präsident
Morales, wozu rufen Sie – hier, auf dem UNO-Klimagipfel – auf ?
… zur Verteidigung von Mutter Erde.
Die Erde ist unser Leben. Die Natur ist unsere Heimat, unser Haus. Die UNO
hat fröhlich den Mother Earth Day ausgerufen. Doch wenn man die
Erde als Mutter akzeptiert, kann man sie nicht verkaufen. Sie ist etwas,
das nicht – nicht vergewaltigt werden darf; sie ist heilig. Das gilt für
die Natür, für den Planeten Erde. Aus diesem Grunde bin ich gekommen – um
die Rechte von Mutter Erde und das Recht auf Leben zu verteidigen und um
die Menschheit zu verteidigen und Mutter Erde zu retten.
Was ist mit
‘Klimaschulden’ gemeint, Präsident Morales?
Nach der Zerstörung, die Mutter
Erde zugefügt wurde, ist es wichtig, ihre Rechte wieder anzuerkennen. Und
der beste Weg, sie anzuerkennen, ist die Zahlung einer Klimaschuldsteuer.
Zweitens ist es wichtig, die Schäden, die angerichtet wurden, anzuerkennen
und den Menschen, die vom Klimawandel betroffen sind beizustehen –
Menschen, die ihre Heimatinseln verlieren werden und anderen, die zum
Beispiel kein Wasser mehr haben werden.
Die
US-Außenministerin Hillary Clinton sagte heute: "Wir können nicht
zurückblicken; wir müssen nach vorne schauen".
Nach vorne schauen heißt, sich all
das vor Augen zu führen, was der Kapitalismus angerichtet hat. Diese Dinge
sind nicht allein mit Geld zu lösen. Wir haben Probleme zu lösen, bei
denen es um Leben und um die Menschheit geht. Das ist das Problem, mit dem
der Planet Erde heute konfrontiert ist. Außerdem bedeutet es, Schluss zu
machen mit dem Kapitalismus.
Die US-Außenministerin Hillary Clinton versprach heute außerdem $100
Milliarden, falls ein Abkommen zustande komme. Diese Summe pro Jahr würde
allerdings nicht von Amerika allein aufgebracht. Vielmehr soll es ein
Private-Public-Partnership-Arrangement – unter Beteiligung mehrerer
Staaten aus der ganzen Welt – geben, aber (wie gesagt) nur, wenn ein
Abkommen erzielt wird. Sie wollte nicht sagen, wieviel die USA beisteuern
würden. Was sagen Sie übrigens zu den Ausgaben der USA gegen die globale
Erwärmung – im Gegensatz… nun, gestern sagten Sie etwas zum Thema Krieg.
Das Beste wäre, alle
Kriegsausgaben umzuwidmen und dem Thema Klimawandel zugute kommen zu
lassen – anstatt Truppen in den Irak zu schicken, nach Afghanistan oder
in Militärbasen in Lateinamerika. Das Geld sollte besser benutzt werden,
um die von den USA angerichteten Schäden zu beheben. Und natürlich reichen
$100 Milliarden nicht aus. Wahrscheinlich wird es um viele Billionen
Dollars gehen. Wie können wir nur Geld ausgeben, um zu töten anstatt zur
Rettung von Menschenleben? Nein, wir müssen Geld ausgeben, um Leben zu
retten, nicht um zu töten. So lauten unsere Differenzen mit dem
Kapitalismus.
Sie haben den
Krieg in Afghanistan als terroristisch bezeichnet. Bezeichnen Sie
Präsident Obama als Terroristen?
Wenn Leute ihre Truppen
losschicken, um im Ausland zu töten, ist das Terrorismus. Es gibt nicht
nur zivile Terroristen – Terroristen, die sich als Zivilisten verkleiden.
Sie können auch Militäruniformen tragen. Noch übler ist es, wenn sie mit
dem Geld der Völker finanziert werden, mit Steuergeldern. Natürlich hat
jedes Land das Recht auf Selbstverteidigung; ebenso, wie sich jedes Land
verteidigen kann, aber mit Uniformierten in ein fremdes Land
einzumarschieren ist Staatsterrorismus.
Folgendes
kommt noch hinzu: Die Errichtung von Militärbasen in Lateinamerika, mit
dem Ziel der politischen Kontrolle (und ihre Militärbasen hier sind
imperial), hat nichts mit Respekt vor der Demokratie zu tun. Es gibt
keinen Frieden, keinen sozialen Frieden. Für solche Länder gibt es keine
Entwicklung, und für solche Regionen keine Integration. Das haben wir in
Südamerika, in Lateinamerika, er-lebt.
Wie lautet
Ihre Botschaft an Präsident Obama – bei den Klimagesprächen?
Nachdem ich seine Rede auf dem
Amerikagipfel der Regierungschefs der amerikanischen Regionen (Americas)
gehört habe, waren wir voller Hoffnung, dass er zu einem Verbündeten gegen
die Armut werden könnte. Mittlerweile bin ich nicht mehr so
hoffnungsfroh. Wir sind eher enttäuscht. Wenn sich in den USA
etwas verändert hat, dann die Hautfarbe des Präsidenten.
In
administrativen Resolutionen wurde mir vorgeworfen, Gewerkschaften zu
verbieten bzw. Gewerkschaften zu eliminieren. Dabei tue ich genau das
Gegenteil (Übersetzer: "Ich entschuldige mich"). In dem Bericht, der
erstellt wurde, um – im Rahmen des ATPDEA-Programmes – Handelspräferenzen
zu erzeugen, wird der Vorwurf erhoben, die Regierung Boliviens beteilige
sich an der Unterdrückung von Gewerkschaften. In Wirklichkeit ist es genau
umgekehrt. Die Regierung ist aktiv bemüht und zwar sehr bemüht, die
Gewerkschaften zu unterstützen und ihnen infrastrukturell zu helfen, zum
Beispiel, indem wir die Zentren verbessern, in denen sich Gewerkschaften
treffen usw..
Selbst
Präsident Bush unterließ damals Bemerkungen über die neuen Klauseln
unserer Bolivianischen Verfassung. Doch unter der neuen amerikanischen
Regierung werden Kommentare und Bemerkungen laut über die frisch
entworfene Bolivianische Verfassung – vor allem, was die Verwaltung des
Öl- und des Ergas-Sektors betrifft. Das ist eine klare Einmischung in die
inneren Angelegenheiten Boliviens durch die Regierung Obama. Vielleicht
wird es damit enden, dass sie uns auffordern, unsere Verfassung zu ändern.
So etwas hat nicht einmal Bush getan. Betrachten wir nur diese eine Sache,
und Obama scheint schon heute schlechter dazustehen als Bush. Die
Dokumente liegen vor.
Sie müssen
jetzt gehen, ich weiß. Hier meine letzte Frage: Sie haben ein
Klimatribunal gefordert. Was meinen Sie damit?
Jene, die dem Planeten Erde
schaden, jene, die zerstören, gehören verurteilt. Auch jene, die die
Bedingungen des Kyoto-Protokolls nicht erfüllen, gehören verurteilt. Dazu
müssen wir bei den Vereinten Nationen ein Tribunal für Klimagerechtigkeit
organisieren.
Was bedeutet
"1 Grad Celsius" (mehr)?
So lautet unser Vorschlag.
Glauben Sie,
er ist realisierbar?
Ja. Wenn nicht, wird es an einem
mangelndem Engagement für die Menschheit liegen.
Glauben Sie,
dass in Kopenhagen ein Deal herauskommen wird?
Ich bezweifle es. Wir entwickeln
andere Vorschläge für eine Einmischung meinerseits.
Halten Sie es
für eine Katastrophe, dass kein Deal herauskommt?
Nein, Zeitverschwendung. Und wenn
die Regierungschefs dieser Staaten zu keinem Abkommen finden können, warum
verbünden sich nicht die Völker und entscheiden gemeinsam?
Belassen wir
es an dieser Stelle dabei. Vielen, vielen Dank, Präsident Morales.
Orginalartikel:
Bolivian
President Evo Morales on Climate Debt, Capitalism, Why He Wants a Tribunal
for Climate Justice and Much More
( Übersetzt von Andrea Noll )