2010/1/29
Mehr Soldaten, mehr Geld
Protest mit Melone in London gegen den Afghanistan-Gipfel am Donnerstag
Von Gerd Schumann
Hochrangige Vertreter von 60 Staaten und zehn internationalen
Organisationen berieten am Donnerstag in London ȟber die Zukunft
Afghanistans« (tagesschau.de). Unter dem Vorsitz von UN-Generalsekretär
Ban Ki Moon, dem britischen Premierminister Gordon Brown und dem
afghanischen Präsidenten Hamid Karsai sollte debattiert werden, wie der
Besatzungszustand unter NATO-Kommando perspektivisch beendet werden
könnte. Um einen Abzug zu erreichen, solle Afghanistan bis 2014 dazu in
der Lage sein, »selbst für seine eigene Sicherheit zu sorgen«. Brown
sprach von einer »Afghanisierung«.
Tatsächlich wurde die proklamierte Zielvorstellung am Donnerstag oft
beschworen. Real behandelt indes wurde am Konferenztisch lediglich eine
Frage: Wie können die westlichen Besatzerstaaten ihren seit über acht
Jahren am Hindukusch geführten Krieg doch noch gewinnen? Die Antwort aus
London lautet: Mit noch mehr Soldaten und dem Einsatz von noch mehr Geld
und Material. Von »neuen Strategien«, die angeblich auf der Konferenz
verabschiedet werden sollten, war dagegen in der englischen Hauptstadt
nichts zu spüren– es sei denn, die Abwerbeprämien in zigfacher
Millionenhöhe für »gemäßigte Aufständische«, so Premier Brown, würden
tatsächlich als Konzept bewertet.
Also mutet der nun behauptete Strategiewechsel eher als Akt der
Verzweiflung an. Neben erwähnten Zahlungen an Überläufer, für die ein
Fonds von mindestens 500 Millionen Dollar geschaffen werden soll, sieht
die Planung zwei Eckpunkte vor. Einerseits eine Aufstockung der
Besatzertruppen weit über die derzeit stationierten 113000 Soldaten
hinaus. Das entspricht der US-amerikanischen Strategie, den Krieg gegen
die Aufständischen in allen Regionen des Landes – und darüber hinaus auch
auf pakistanischem Gebiet – militärisch zu forcieren. Hierfür will
Washington über 30000 weitere GIs schicken, die übrigen NATO-Staaten 9000.
Die Präsenz der deutschen Bundeswehr wird von 4500 um 850 Soldaten
erweitert. Von diesen, erklärte Außenminister Guido Westerwelle in London,
sollten sich 1400 dem »Aufbau afghanischer Sicherheitskräfte widmen«.
Des weiteren soll die »Aufstandsbekämpfung zunehmend unter afghanische
Führung« gestellt werden, so das in London erneut proklamierte, nicht
gerade neue Vorhaben. Es entspricht dem »Wunsch«, den Karsai am Donnerstag
vortrug. Zielvorgabe ist demnach, daß Kabul bis Ende 2011 insgesamt über
171600 Soldaten und 134000 Polizisten verfügt. Allerdings meldete
ausgerechnet der afghanische Präsident selbst Zweifel an den Plänen seiner
noch immer nicht vollzählig vorhandenen Regierung in Kabul an: Der
Zeitraum bis zum Abzug der internationalen Truppen sei auf weitere »zehn
bis 15 Jahre zu veranschlagen«, meinte er und nannte als Grund »fehlende
Mittel für die Finanzierung von Streitkräften und Polizei«. Zudem würden
mehr Ausbilder benötigt, so der Präsident, dessen Regime sich in der
Vergangenheit vor allem durch Korruption auszeichnete.
In Karsais Anwesenheit hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits am
Mittwoch in Berlin vor einem schnellen Abzug aus Afghanistan gewarnt. Die
»Nennung eines Datums wäre verantwortungslos«, proklamierte sie und nahm
das Ergebnis der Londoner