2009/12/9
Triumph der Armen
Von Benjamin Beutler
Wie hier in Cochabamba feierten die Anhänger von Evo Morales im
ganzen Land
Foto:
reuters
Bolivien hat sich klar für Evo Morales und die Bewegung zum
Sozialismus (MAS) entschieden. Nach vorläufigen Berechnungen des
Nationalen Wahlgerichts (CNE) erhielten Evo Morales und sein
Vizepräsident Álvaro García Linera bei der Abstimmung am Sonntag 63
Prozent der abgegebenen Stimmen. Weit abgeschlagen folgten die
Gegenkandidaten der rechten Opposition. Der Exgeneral und frühere
Präfekt von Cochabamba, Manfred Reyes Villa, der in der vergangenen
Woche noch optimistisch eine Stichwahl prognostiziert hatte, kam auf
rund 27 Prozent, der Zementmillionär Samuel Doria Medina auf dem
dritten Platz erreichte sechs Prozent. Von rund 5,1 Millionen
Wahlpflichtigen waren etwa sechs Prozent zu Hause geblieben.
»Jetzt steht uns der Weg wirklich offen«, jubelte der alte und neue
Staatspräsident am Sonntag abend vom Balkon des Regierungssitzes
Palacio Quemado in La Paz Tausenden Feiernden zu. »Unser Sieg zeigt,
daß es tatsächlich möglich ist, Bolivien an der Wahlurne zu ändern.«
In sieben der neun Departamentos Boliviens konnte sich Morales
durchsetzen, darunter auch in den oppositionell regierten Tarija,
Chuquisaca und Pando. Nur in Santa Cruz und Beni stimmte eine Mehrheit
gegen die MAS, aber auch hier konnten die Sozialisten im Vergleich zur
Präsidentschaftswahl 2005 Stimmengewinne verzeichnen.
Während an Morales’ Wiederwahl keiner ernsthaft gezweifelt hatte, galt
der Ausgang der zeitgleich abgehaltenen Parlamentswahlen als offen.
Doch auch hier setzte sich die MAS auf ganzer Linie durch. In der
Abgeordnetenkammer eroberten die Sozialisten 85 der 130 Sitze.
Besonders bitter für die Rechte ist ihr Machtverlust im bislang von
ihr kontrollierten Senat, in dem sie die Reform-Gesetzgebung immer
wieder blockieren konnte. Nun gewann die Regierungspartei hier
erdrutschartig 25 der 36 Sitze.
Die somit in Aussicht stehende Zwei-Drittel-Mehrheit in beiden Kammern
der »Plurinationalen Gesetzgebenden Versammlung« eröffnet der
»demokratisch-kulturellen Revolution« bislang nicht dagewesene
Möglichkeiten. »Wir haben die große Verantwortung, den Prozeß des
Wandels jetzt zu beschleunigen«, versprach Morales am Wahlabend. Dem
langwierigen Verfassungsprozeß zur »Neugründung Boliviens« folgte im
Januar 2009 gegen den erbitterten Widerstand der alten Eliten die
Ratifizierung der neuen Magna Charta in einer Volksabstimmung, wodurch
die jetzige vorgezogene Wahl notwendig wurde. »Die Anwendung der
ersten Verfassung, die das Volk selbst angenommen hat«, sei jetzt das
oberste Ziel, so der Präsident, dessen Amtszeit bis 2015 läuft. Ziel
der neuen Verfassung, deren Umsetzung die rechte Opposition nun legal
kaum noch blockieren kann, sind neben der vollen Gleichstellung der
indigenen Bevölkerung die administrative Neugliederung des Landes mit
mehr Selbstverwaltungsrechten für die Regionen, darunter erstmals
indigene Autonomiegebiete. Eine stärkere Rolle des Staates in den
Bereichen Wirtschaft, Gesundheit und Bildung sowie die industrielle
Verarbeitung von Lithium, Gas und Stahl des bisherigen
Rohstofflieferanten sollen eine effektivere Armutsbekämpfung
garantieren, denn noch leben fast sechs von zehn Bolivianern in Armut.
( Junge Welt, 8.Dez.2009)